Abnehmspritzen: Warum mich der aktuelle Hype als Ernährungsfachkraft ehrlich gesagt beunruhigt
Welche Abnehmspritzen gibt es aktuell?
In Deutschland sind derzeit vor allem drei Wirkstoffe zur Behandlung von Adipositas zugelassen:
1. Wegovy® (Semaglutid)
- 1× wöchentlich
- durchschnittlich ca. 15 % Gewichtsverlust
- wirkt über das Sättigungshormon GLP-1
- speziell zur Gewichtsreduktion zugelassen
2. Mounjaro® (Tirzepatid)
- 1× wöchentlich
- aktuell stärkster Wirkstoff
- Studien zeigen bis zu ca. 20 % Gewichtsverlust
- wirkt zusätzlich über den GIP-Rezeptor
3. Saxenda® (Liraglutid)
- tägliche Injektion
- ältere Variante
- meist geringerer Gewichtsverlust
Die Medikamente sind verschreibungspflichtig und eigentlich nur für Menschen mit:
- BMI über 30
oder - BMI über 27 plus Begleiterkrankungen
zugelassen.
Ja.
Die Abnehmspritzen wirken.
Teilweise sogar beeindruckend.
Menschen verlieren innerhalb weniger Monate Gewicht, haben weniger Hunger, weniger Heißhunger, weniger Gedanken ums Essen.
Und genau das ist der Punkt, über den viel zu wenig ehrlich gesprochen wird.
Denn viele Menschen essen nicht nur „aus Genuss“.
Sie essen wegen:
- Stress
- Erschöpfung
- Frust
- Gewohnheit
- Belohnung
- innerem Druck
Und manche erleben zum ersten Mal etwas, das aktuell überall als „Food Noise“ beschrieben wird.
Diese ständigen Gedanken an Essen.
- „Was esse ich später?“
- „Ich dürfte eigentlich nicht …“
- „Ich brauche noch etwas Süßes.“
- „Ich denke schon wieder ans Essen.“
Wenn diese innere Lautstärke plötzlich leiser wird, fühlen sich viele Menschen zum ersten Mal seit Jahren entlastet.
Und das kann ich absolut nachvollziehen.
Aber genau hier wird es gefährlich.
Denn Ruhe im Kopf bedeutet noch lange nicht,
dass der Körper verstanden hat, wie Gesundheit funktioniert.
Was mich aktuell kritisch macht
Ich sehe immer häufiger Menschen,
die die Spritze bekommen,
ohne dass wirklich über Ernährung gesprochen wird.
Ohne dass über eine vernünftige Begleitung mit Muskelaufbau, Stoffwechselverständnis, Essverhalten und langfristige Strategien gesprochen wird.
Hauptsache:
Gewicht runter.
Und ganz ehrlich?
Das erinnert mich erschreckend stark an das alte FDH-Prinzip.
„Friss die Hälfte.“
Nur diesmal medizinisch verpackt.
Denn was passiert oft praktisch im Alltag?
Die Menschen essen plötzlich extrem wenig.
Nicht weil sie „gesund“ essen —
sondern weil sie kaum noch Hunger spüren.
Das Problem:
Der Körper braucht trotzdem:
- Eiweiß
- Mikronährstoffe
- Muskeln
- Energie
- Struktur
Und genau das fällt häufig hinten runter.
in meinen Beobachtungen in der Praxis und was ich in meinen Bio Impedanz Analysen sehe geht in der ersten Zeit meist das doppelte an Muskelmasse als an Fettmasse verloren! Keine gute Entwicklung für die Körper-Zusammensetzung.
Schnell weniger essen ist nicht automatisch Stoffwechselgesundheit
Der Stoffwechsel ist kein Taschenrechner.
Er reagiert auf Sicherheit.
Wenn plötzlich:
- massiv weniger gegessen wird
- Muskeln verloren gehen
- der Körper im Energiemangel läuft
- Bewegung fehlt
- Stress hoch bleibt
…dann wird das langfristig oft teuer bezahlt.
Nicht sofort.
Aber später.
Denn viele verlieren nicht nur Fett.
Sondern auch:
- Muskelmasse
- Kraft
- Stoffwechselaktivität
Und dann kommt irgendwann der Punkt, über den kaum jemand spricht:
Die Therapie endet.
Und jetzt?
Genau hier beginnt oft der Jo-Jo-Effekt
Denn die Spritze hat vielleicht:
- Hunger reduziert
- Food Noise gedämpft
- Portionsgrößen verkleinert
Aber sie hat nicht automatisch:
- Gewohnheiten verändert
- emotionales Essen gelöst
- den Alltag stabilisiert
- Wissen aufgebaut
- den Stoffwechsel „geheilt“
Der Körper fällt nach dem Absetzen oft zurück in alte Muster.
Und plötzlich ist er wieder da:
- der Hunger
- der Heißhunger
- das emotionale Essen
- die Unsicherheit
Nur jetzt häufig mit:
- weniger Muskelmasse
- niedrigerem Grundumsatz
- noch größerer Angst zuzunehmen
Das ist keine Charakterschwäche.
Das ist einfache Biologie.
Warum Krankenkassen so zurückhaltend sind
Viele fragen:
„Warum zahlen die Krankenkassen das nicht einfach für alle?“
Weil die Medikamente teuer sind.
Aber vor allem:
Weil langfristiger Erfolg eben nicht nur an der Waage entscheidet.
Die Abbruchquoten sind hoch.
Viele setzen die Medikamente innerhalb des ersten Jahres wieder ab.
Und wenn dann keine echte Veränderung stattgefunden hat,
kommt das Gewicht oft zurück.
Teilweise erschreckend schnell.
Genau deshalb werden diese Medikamente aktuell hauptsächlich bei:
- Adipositas
- Diabetes Typ 2
- schweren Begleiterkrankungen
eingesetzt —
und nicht einfach als Lifestyle-Lösung zum schnellen Abnehmen.
Und ja — auch die Rolle mancher Ärzte sehe ich kritisch
Ich weiß:
Viele Ärzte meinen es gut.
Und natürlich gibt es Situationen,
in denen diese Medikamente medizinisch absolut sinnvoll sind.
Aber ich sehe auch,
wie schnell heute verschrieben wird,
ohne wirklich über die Konsequenzen zu sprechen.
Manche Patienten bekommen die Spritze schneller erklärt
als:
- vernünftige Ernährung
- Eiweißversorgung
- Muskeltraining
- Alltag
- Schlaf
- Stress
- langfristige Stabilisierung
Und genau das macht mir Sorgen.
Denn wir behandeln sonst irgendwann nur noch Symptome —
aber nicht mehr die Ursachen.
Ich bin nicht gegen die Abnehmspritze. Aber gegen die Illusion dahinter.
Für manche Menschen kann sie ein echter Wendepunkt sein.
Gerade bei:
- starkem Übergewicht über BMI 40
- massiver Insulinresistenz
- Diabetes Typ 2
- extremem Heißhunger
- hohem Leidensdruck
kann sie sehr gut helfen, überhaupt erst wieder handlungsfähig zu werden.
Aber sie sollte ein Werkzeug sein.
Nicht die komplette Strategie.
Denn echte Gesundheit entsteht nicht dadurch,
dass der Hunger ausgeschaltet wird.
Sondern dadurch,
dass der Körper wieder, Sicherheit, Stabilität, Versorgung, Rhythmus, Vertrauen lernt:
Und genau das entsteht nicht in der Spritze.
Sondern im Alltag.
Beim Essen.
Beim Verstehen.
Beim Dranbleiben.
Beim ehrlichen Blick auf den eigenen Körper.
Denn am Ende entscheidet nicht, wie schnell jemand Gewicht verliert.
Sondern:
ob der Körper danach überhaupt noch weiß, wie er gesund stabil bleiben kann.